Überführung einer neuen Swan 48 von Kiel nach Southampton
Fünf Tage nach unserem Start in Kiel haben wir vorgestern planmäßig den Hamble River bei Southampton erreicht. Wobei: Was heißt schon „planmäßig“?
Für den kompletten Einsatz hatten wir eben fünf Tage plus Rückreisetag kalkuliert. Ein Tag geht ja bei dieser Route meist schon für den Nord-Ostsee-Kanal drauf – und so kam es auch. Von Brunsbüttel aus sind wir anschließend mit passenden Winden drei Tage quer über die Nordsee gesegelt, offshore bis nach Brighton. Am nächsten Tag haben wir den letzten Abschnitt nach Hamble absolviert, wo wir von Scott Dawson vom Nautor Swan Global Service sehr freundlich empfangen wurden.
Begleiten durften wir einen sympathischen Schweizer Eigner, mit dem wir nicht nur gesegelt und den wir gecoacht haben, sondern mit dem wir auch viel gelacht und den Törn genossen haben. Im Grunde war es also ein Routinejob für uns.
Aber ein paar Dinge waren dann doch speziell.
Zunächst einmal: Wir sind immer wieder mit werftneuen Yachten unterwegs, und das ist jedes Mal etwas Besonderes. Zu wissen, dass man die erste Crew ist, die mit einem neuen Boot fährt, nachdem Monate oder sogar Jahre an Planung, Arbeit und Erwartungen in dieses Schiff geflossen sind, erzeugt schon eine gewisse Ehrfurcht.
Bei einer neuen Swan gilt das noch einmal mehr. Swan steht in der Welt der Yachten seit Jahrzehnten für Qualität, Präzision und Perfektion. Eine neue Swan flößt mir deshalb noch mehr Respekt ein als eine „typische“ neue Großserienyacht. Klar, könnte man sagen: Auch die Finnen kochen nur mit Wasser. Aber sie tun es erstaunlich gut.
Nach diesem Törn kann ich sagen: Die Qualität dieser Yacht war wirklich beeindruckend. Und alles, was nach der Überführung noch zu tun oder irgendwie wieder zu befestigen war, wurde direkt nach der Ankunft am Swan-Stützpunkt in Hamble aufgenommen und wird dort erledigt. Das ist nicht nur eine tolle Yacht, sondern auch ein erstklassiger Service.
Was war sonst noch besonders?
Das eindrücklichste Erlebnis des Törns war eine Böenwalze, die uns nachts völlig unvermittelt vor der englischen Küste traf, etwas südöstlich von Eastbourne.
Ohne sichtbare Vorwarnung, ohne Regen, ohne Gewitter, ging der Wind plötzlich auf über 60 Knoten hoch und brachte uns kurzzeitig in ernste Schwierigkeiten. Ich hatte gerade Freiwache, mein Co-Skipper Tim war allein an Deck. Ich wachte auf, weil irgendetwas nicht stimmte – und war wenige Sekunden später oben.
Dort kämpfte Tim gerade damit, den Bullenstander loszuwerfen, den ich auf einer Bugklampe belegt hatte. Das Boot bockte und schlingerte, sodass es für ihn extrem schwierig war, sich überhaupt sicher nach vorne zu bewegen.
Ich startete die Maschine und versuchte, die Yacht irgendwie im Wind zu halten, während das Großsegel schlug und uns immer wieder Böen trafen, die sich anfühlten, als hätte jemand einen riesigen Blasebalg über ein Feuer gerichtet. Warme, fast heiße Luft wechselte sich mit kühlerer Luft ab, dann kamen wieder diese orkanartigen Böen.
Irgendwann hatten wir das Großsegel zum Glück geborgen – kurz darauf war der Spuk wieder vorbei.
Ich rieb mir ungläubig die Augen. Ich hatte mir vorher die Wetterberichte angesehen. Da war doch nichts zu sehen gewesen! Und obwohl das Funkgerät in den Stunden zuvor sehr aktiv gewesen war, hatten wir keine Sturmwarnung mitbekommen.
Nach einiger Recherche fand ich schließlich doch einen Hinweis: In der Windy-App war beim englischen Wettermodell unter „Böen“ ein Starkwindfeld zu sehen, das sich von der nordfranzösischen Küste nach Norden in Richtung englische Küste bewegte. Offenbar hatte sich die extreme Hitze der letzten Tage in Frankreich in einer Art Heißluftblase nach Norden verlagert – ohne über der kühleren Meeresluft ein klassisches Gewitter zu erzeugen.
Ich habe schon einige Meilen im Kielwasser und mache diesen Job seit vielen Jahren. Doch man lernt nie aus. Auch von diesem Törn nehme ich also wieder ein paar Dinge mit:
- Es schadet nie, mehrere Wettermodelle anzuschauen – und dabei ausdrücklich unter anderem auch die Böenprognosen im Blick zu behalten.
- Der Bullenstander beziehungsweise die Bullentalje sollte, wenn möglich, von der Baumnock zum Bug oder zur Mittelklampe und zurück in die Plicht geführt werden. Nur so kann man ihn bei einem unerwarteten Ereignis, etwa bei schweren Böen, sofort und ohne Gang aufs Vorschiff lösen.
- Tim hatte in diesem Moment keine Rettungsweste an. Die Westen lagen zwar griffbereit, aber wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, bleibt unter Umständen keine Zeit mehr, sich eine anzulegen. Genau das war hier der Fall.
Am Ende ist alles gut gegangen. Die Swan liegt sicher in Hamble, der Eigner ist zufrieden, und wir sind um ein paar Erfahrungen reicher.
Mission accomplished.






