Die letzten zwei Meilen – eine Yachtüberführung, die beinahe schiefging

Yachtüberführung: 90 Seemeilen, ein 50 Jahre alter Motoryacht-Klassiker, 40.000 Euro Zeitdruck – und plötzlich dichter Nebel in der Warnowmündung.

Manchmal kommt das dicke Ende erst am Schluss. Wie bei diesem Job auf der Ostsee…

Anfang der Woche musste ich einspringen, weil ein Skipper am Abend vor einer geplanten Überführung das Handtuch geworfen hatte. Es ging um eine Motoryacht, die von Wolgast nach Rostock überführt werden sollte. Gerade einmal 90 Meilen.

Das Problem: Für die Yacht war bereits ein Platz an Bord eines Frachtschiffs nach Genua gebucht worden. Und wenn das Boot nicht pünktlich zum Ladetermin längsseits liegt, wäre ein kleines Vermögen verloren.

Wir haben zwar ein großes Netzwerk erfahrener Skipper, aber bei weniger als 24 Stunden Vorlauf habe ich gar nicht erst versucht, jemand anders zu finden. Also machte ich mich selbst auf den Weg nach Wolgast.

Dort erwartete mich der frischgebackene Eigner einer Cantieri di Pisa 65, Baujahr 1972. Ein imposanter, rund 20 Meter langer Gleiter mit zwei mal über 730 PS.

Es gab eine knappe Übergabe durch die Voreigner. Viel Zeit, um uns mit der Technik vertraut zu machen, blieb also nicht. 

Schon ging es die Peene hinunter – allein im Standgas fährt die Yacht acht Knoten…

Ein Schiff, an dem über Jahrzehnte immer wieder gebastelt wurde und das zuletzt einige Jahre kaum bewegt worden war, kann einem viele Überraschungen bereiten. Dazu kam eine ziemlich dürftige Navigationsausrüstung: Kein Plotter, kein AIS, kein funktionierendes Radar, kein fest eingebautes Funkgerät. Der Radarmast war vor der Tour gelegt worden, damit wir unter den Brücken durchkommen…

Schon vor der Abfahrt hatten wir vereinbart, dass bei so einem Setting der Eigner den „Hut aufhaben“ solle. Schließlich war es sein Schiff, und ich wollte als Profi nicht die volle Verantwortung für eine Überführung unter Zeitdruck mit dieser Ausrüstung übernehmen.

Der Eigner hatte ein paar Jahre lang eine „Ferretti“ gehabt, aber deutlich weniger nautische Erfahrung als ich. Ich hätte natürlich jederzeit sagen können: „Unter diesen Bedingungen fahre ich nicht!“

Aber da war eben diese hohe Summe, die bei einem verpassten Ladetermin auf dem Spiel stand.

Zunächst schlug sich das alte Schiff jedenfalls wacker. Bis auf eine leere Motorbatterie nach einer Nacht in Stralsund gab es keine nennenswerten technischen Probleme.

Am Nachmittag vor dem Verladetermin machten wir dann im Alten Strom von Warnemünde fest. Nur noch gut zwei Seemeilen bis zum Liegeplatz des Frachters, wo wir am nächsten Morgen pünktlich um neun Uhr erwartet wurden.

Wir waren erleichtert, denn das Schwierigste, so dachten wir zumindest, lag ja hinter uns.

Aber am nächsten Morgen herrschte dichter Nebel. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen.

Die letzte Information von Sevenstar, der Reederei, war eindeutig gewesen: Um neun Uhr sollten wir am Frachter sein.

Als sich die Sicht etwas zu bessern schien, entschieden wir uns zur Abfahrt. Unser Plan war, am rechten Fahrbahnrand zu bleiben, regelmäßig Schallsignale zu geben und dann wenn ‚die Luft rein‘ war in Richtung Handelshafen zu queren.

Doch kaum hatten wir den Alten Strom verlassen, wurde der Nebel wieder dichter. Viel dichter.

Ausgerechnet jetzt begann auch noch das iPad, mit dem wir die Navigation bestritten, zu spinnen. Immer wieder fror der Bildschirm ein.

Wir befanden uns mitten in der Warnowmündung, wo große Fähren und Frachtschiffe verkehren uns sahen um uns nichts als Nebel. Ohne Radar und zuverlässige Position war das lebensgefährlich.

Ich bin eigentlich jemand, der auf dem Wasser ruhig bleibt. Aber als plötzlich eine grüne Fahrwassertonne auftauchte und mir klar wurde, dass wir offenbar unbeabsichtigt das Fahrwasser gequert hatten, wurde ich nervös.

„Rüber, zurück nach Westen!“, rief ich dem Eigner zu, der am Ruder stand.

Er versuchte, entsprechend zu steuern, aber das iPad streikte erneut und irgendwie fuhren wir Schlangenlinien.

Dann tauchte plötzlich eine Segelyacht aus dem Nebel auf.

Eine große Hanse! Und in den Verladeunterlagen war tatsächlich eine Hanse 590 aufgeführt. Schemenhaft konnte ich einen Mann an Deck erkennen.

Das musste der Kollege sein!

Ich lief nach vorne und rief durch den Nebel, ob er ebenfalls zur ‚FWN Performer‘ wolle.

Er bejahte.

Wir schlossen uns ihm an und Tonne für Tonne tauchte aus dem Nebel auf. Nicht weit von uns schob sich ein riesiger Bug durch den Dunst Darauf stand der Name FREDO, es war ein Frachter, der die Warnow verließ.

Ein beklemmender Anblick. Die Vorstellung, vor einen solchen Bug zu geraten war nicht schön.

Wie das mit dem Nebel manchmal so ist, endete er plötzlich.

Die graue Wand riss auf.

Vor uns lag der Hafen im Sonnenschein. Kaianlagen, Kräne, Frachtschiffe – und wenig später an Steuerbord die FWN Performer, auf der unsere alte Cantieri di Pisa ihre Reise nach Genua antreten sollte.

Hinter uns dagegen lag die Warnowmündung noch immer unter einer dichten, undurchdringlichen Nebeldecke.

Im Nachhinein frage ich mich natürlich, ob wir es nicht hätten besser machen können: Ein Anruf bei Sevenstar, die Situation schildern und fragen, ob es möglich gewesen wäre, die Verladung etwas zu verschieben.

Vielleicht wäre das problemlos gegangen. Vielleicht auch nicht.

Wir haben es nicht versucht.

Nächstes Mal würde ich vielleicht darauf bestehen. Man lernt eben nie aus. 

Die letzten zwei Meilen können schwieriger sein als die neunzig davor. Und manchmal ist die schwierigste nautische Entscheidung die, gar nicht erst abzulegen.

 

Von Veröffentlicht am: November 8th, 2026

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